Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.08.2003  
 

Vorsicht, Satire!

Wo ist die Grenze des Erlaubten? Die Anwältin der "Titanic" hat gut zu tun
Von Sophie Büning

 
 

Frankfurt. Zu den Todesanzeigen einer Frau Rindfleisch und eines Herrn Fleischfresser fragte "Titanic": "Und Peter Schnitzel und Herta Hacksteak, sind die jetzt auch bald dran? Was ist denn bloß los bei Euch da oben? Kannst Du Deine militanten Veganer nicht mal zur Räson bringen?" Der Tochter der verstorbenen Frau Rindfleisch ging das zu weit und klagte. Ein Fall für die Anwältin des Frankfurter Satire-Magazins, Gabriele Rittig, die sich wieder einmal vor Gericht für den Humor ihrer Kollegen einsetzen mußte. 20000 Euro Schmerzensgeld sollte "Titanic" zahlen. "Doch wir hatten Glück", erzählt Rittig, "das Gericht zeigte Verständnis für Satire." Aus freien Stücken zahlte der Verlag der Klägerin 1000 Euro.
Seit 1981, das Magazin war gerade zwei Jahre alt, gehört Gabriele Rittig zum Team in der Bockenheimer Redaktion. Während sie früher auch selber Artikel schrieb, steht die 47 Jahre alte Fachanwältin für Strafrecht heute unter "Rechtberatung" im Impressum der Titanic. Obgleich Fälle wie dieser eher als Lappalie gelten, seien es gerade die Nichtprominenten, die sich vor Gericht gegen vermeintliche Verunglimpfungen wehrten, sagt die Frau mit dem jungenhaften Kurzhaarschnitt, die seit ihrer Universitätszeit eine Doktorarbeit über Satire und Justiz vor sich herschiebt. So habe die Tochter von Frau Rindfleisch nicht verstehen können, daß es bei der Satire nicht um ihre Mutter, sondern lediglich um den Namen gegangen sei. "Die Leute können nicht abstrahieren - das ist das Phänomen", meint die Anwältin. "Dabei beziehen sich unsere Scherze doch immer auf einen Namen oder eine Tat, niemals auf die Person per se." Inwieweit sich jemand mit seinem Namen, Titel oder Beruf identifiziert und sich dementsprechend in seinem Persönlichkeitsrecht angegriffen fühlt, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Beim Kontrollesen, kurz vor Erscheinen eines Heftes, geht es deshalb nicht eigentlich um Rechtsfragen, sondern stets darum: Was ist das für ein Typ, den wir da auf den Arm nehmen, kann er oder sie über sich lachen oder nicht?
Seit zwanzig Jahren berät Rittig das Magazin und hat in dieser Zeit viel erlebt. Doch "richtig platt" war sie erst, als ein junger erfolgreicher Schriftsteller vor zwei Jahren klagte. In seiner Ausgabe vom Juni 2001 hatte sich "Titanic" den zweifelhaften Scherz erlaubt, über ein Foto des hingerichteten Oklahoma-Attentäters Timothy McVeigh seinen Namen zu schreiben - mit dem Hinweis, daß eine Lesung abgesagt werde. Der Autor fühlte sich in seinem Persönlichkeitsrecht verletzt und klagte. Das Berliner Landgericht gab ihm recht und befand, daß die Satiriker ihn zum Mörder hätten stempeln wollen: Per einstweiliger Verfügung durfte das Heft nicht mehr vertrieben oder beworben werden. "Die Berliner sind immer schnell mit ihren Urteilen", merkt Anwältin Rittig dazu an. Dabei habe doch lediglich der Haarschnitt des Schriftstellers karikiert werden sollen. Einstweilige Verfügungen seien immer lästig, gibt Chefredakteur Martin Sonneborn in der Frankfurter Altbauwohnung zu, wo die Redaktion untergebracht ist. Knapp jedes zehnte Heft darf dadurch weder in Sammelwerken noch später weiterverschickt werden. Bei den bisher rund 30 Verfahren - erschienen sind mittlerweile fast 300 Ausgaben - sei der Ausgang immer davon abhängig gewesen, ob der Richter einen Sinn für Satire gehabt habe, sagt die Anwältin. Zur Freiheit der Meinung und der Kunst hat das Bundesverfassungsgericht festgelegt, daß juristisch stets genau zwischen satirischer Form und tatsächlich gemeintem Inhalt zu trennen sei. Bei der Bewertung der Form - bewußte Übertreibung oder Verfremdung - kann der Richter dem Satiriker daher eine gewisse künstlerische Freiheit einräumen.
Schwieriger wird es, wenn gegen den Inhalt, den Aussagekern der Satire, geklagt wird. "Dann muß ich vor Richter und Anwälten nachweisen, daß der Kern keine falsche Tatsachenbehauptung ist, sondern lediglich eine Meinungsäußerung." Unter Politikern seien die von der SPD immer die Kleinlichsten gewesen, sagt Rittig. Altbundeskanzler Helmut Kohl habe sich dagegen nie - zumindest nicht öffentlich - von den Anwürfen in der "Titanic" ärgern lassen. "Er hat alles ausgesessen - und die Birne ja sogar selbst übernommen", erinnert sich Rittig und lacht, wie so oft. Bundespräsident Johannes Rau dagegen schaltete seine Anwälte ein, weil er nie wieder "Wuppertaler Zeitbombe" genannt werden wollte. Im Zuge der BSE-Krise lautete eine Forderung in dem Blatt, Rau "als hochinfektiösen Prionenklumpen aus dem Verkehr zu ziehen". Kein Richter hätte gewagt, einem Bundespräsidenten Humorlosigkeit vorzuwerfen, so Rittig. Mit einer Unterlassungserklärung und einer Spende, 5000 Mark an "writers in prison", gab die Anwältin vor Gericht nach. Heute seien die Politiker "abgehärteter", meint die Juristin, was vielleicht auch darauf zurückzuführen sei, daß die Boulevardpresse sowie das Privatfernsehen härter mit ihnen umgingen. "Manchmal wundere ich mich schon, was Harald Schmidt sich so alles in seiner Show erlaubt - ohne Folgen." Aber die privaten Sender hätten wohl die ausreichend gefüllten Kassen, so daß es meist gar nicht erst zu einer Klage komme. Auf die Frage, ob es denn eine Grenze gebe bei dem, was sich "Titanic" erlauben könne, kommt deshalb auch prompt die Antwort. "Alles, was sich das Magazin finanziell leisten kann."

 
  Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.08.2003, Nr. 32 / Seite R2